Profilklasse reloaded

„Profilklasse reloaded“ – Räume, Rollen, Anschlüsse neu denken

 Stephanie Buyken-Hölker, Carmen Heß

Der Baustein „Profilklasse reloaded“ fokussiert das Kooperationsformat „Profilklasse“, das sich sowohl in instrumentaler als auch in vokaler Ausprägung bereits seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit erfreut und sich u.a. in Form des sogenannten erweiterten Musikunterrichts im Kontext der Kooperation von weiterführender Schule und Musikschule vielerorts etabliert hat. Trotz der großen Verbreitung sind instrumentale und vokale Profilklassen jedoch nicht unstrittig. Insbesondere das Spannungsfeld zwischen lehrgangsartiger Fokussierung des Aufbaus instrumentaler/vokaler Fertigkeiten und weit gefasstem Allgemeinbildungsanspruch des Schulfachs Musik war Gegenstand eines musikpädagogischen Diskurses, der bis heute fortwirkt.

Die EMSA-Unterrichtsentwicklung greift inspiriert durch aktuelle Bedarfe an EMSA-(Musik)Schulen und auf Anregung der Fachaufsicht Musik des Landes NRW diesen Diskurs auf und verfolgt das Ziel, die etablierten Profilklassenstrukturen im Sinne vielfältiger, intensiver musikalischer Bildung konzeptionell mit EMSA-Prinzipien und bereits entwickelten EMSA-Bausteinen zu fusionieren und etablierte Räume, Rollen und Anschlüsse neu zu denken. Erste konzeptionelle Bausteine für den Profilklassenunterricht sind in interdisziplinärer Verknüpfung zweier Partnerseminare (schulische Musikpädagogik/IGP) von Studierenden in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen weiterführender Schulen und Musikschulen im Wintersemester 20/21 entstanden und sollen nun im Studienjahr 21/22 an EMSA-Schulen implementiert und situativ adaptiert werden.

Bisher wurden folgende drei Module im Kontext des Bausteins „Profilklasse reloaded“ entwickelt:

VocalBreak adapted – (Frei)Räume instrumentalen Lernens aufspüren

Eines der ersten Musik-Lernformate, das von EMSA entwickelt wurde, ist die VocalBreak (Buyken-Hölker, 2019), eine kurze musizierpraktische Einheit, die unmittelbar in den Stundenplan integriert ist und wöchentlich zur Zeit des Kernunterrichts (z.B. während des Matheunterrichts) stattfindet. Die VocalBreak basiert auf folgenden Kernideen:

  • eine kurze, flexibel in den Schultag integrierbare Musiziereinheit von 10 – 12 Minuten;
  • eine schnelle Abfolge kurzer Phasen, die sich jeweils auf unterschiedliche Kompetenzbereiche und Lernwege beziehen;
  • ritualisierte Möglichkeiten selbstgesteuerten Lernens und individueller Verantwortungsübernahme in der Gruppe;
  • die Idee, Klassenmusizieren und individuellen Lernfortschritt zu verbinden und individuelle Anschlüsse für weitere (außer)schulische musikbezogene Angebote zu ermöglichen.

Obwohl anfänglich für Schulen ohne Profilklassen entwickelt, scheint die Übertragung der VocalBreak-Prinzipien auf das Konzept der Profilklassen vielversprechend. Drei Settings einer instrumental angebundenen „VocalBreak adapted“ sind bisher angedacht:

  • Innerhalb der wöchentlichen Profilklassenproben als kurzweiliges Warm-Up, oder als „aktive Pause“ zur fachlichen Fokussierung und Initiierung kreativer, spielerischer, selbstgesteuerter Momente.
  • Zusätzlich zu den wöchentlichen Proben als kurze instrumentalpraktische Einheit während des Schulvormittags. Ohne großen Aufwand realisierbar wären bspw. eine „PercussionBreak“ mit leicht zu verstauenden kleinen Schlaginstrumenten oder eine „BuzzingBreak“ für Blasinstrumente. Ähnlich wie bei der VocalBreak könnte durch eine 10-minütige Break-Einheit auch für das instrumentale Lernen ein weiterer, in den Schulalltag integrierter Raum des Musizierens erschlossen werden.
  • In Anlehnung an bereits existierende VocalBreak-Videos sind „InstrumentalTutorials“ für unterschiedliche Instrumente entstanden. Zum Einsatz kommen könnten diese sowohl im Kontext des individuellen Übens als auch im Rahmen von Online-Unterricht als digitales Unterrichtsformat. Der private Raum wird neben den schulischen Lernsettings als weiterer möglicher Lernraum sichtbar.

„PeerGroupBands“ – (Expert:innen)Rollen neudenken

Proben mit einer gesamten Profilklasse beinhalten notwendigerweise die Auswahl eines gemeinsamen Repertoires. Rein pragmatisch ist diese Auswahl häufig durch das Repertoire geprägt, das in etablierten Profilklassenschulen und geeigneten Arrangements vorliegt. Dies führt oft sowohl zu einem stilistisch begrenzten Repertoire als auch zur Dominanz einer spezifischen musikalischen Praxis, nämlich des Spielens auskomponierter Stücke nach Noten. Zudem können die musikalischen Interessen der einzelnen Schüler:innen innerhalb einer Gruppe dieser Größe nur in sehr allgemeiner Form berücksichtigt werden.

Das Bausteinmodul „PeerGroupBands“ versucht durch die zeitweilige Teilung der gesamten Profilklasse in kleinere „Bands“, den Blick bewusst auf die stilistischen und musikkulturellen Präferenzen und Kontexte der Schüler:innen zu lenken. Das Angebot richtet sich explizit an Schülerinnen und Schüler der 6. Klasse, die sich also im zweiten Jahr des Profilklassenunter­richts befinden. Zu diesem Zeitpunkt haben die Schüler:innen sowohl grundlegende instrumentale Techniken erlernen als auch innerhalb der Klasse soziale Kontakte aufbauen können, auf deren Grundlage sich die „PeerGroupBands“ formieren. Diese selbstgewählten Gruppen können Kontexte schaffen, in denen Schüler:innen ihre eigenen musikalischen Interessen, Praxen und Rollen teilen, ausprobieren, gestalten und mit den bisher individuell erworbenen instrumentalen Fähigkeiten verbinden: Sie hören Musik, arrangie­ren Lieblingsstücke, improvisieren, erhalten Einblicke in Songwriting- und Aufnahmeprozesse. Dabei werden sie selbst zu Expert:innen des eigenen Lernwegs. Auch die Lehrenden wechseln ihre Rolle: Als Lernbegleiter:innen und Berater:innen rotieren sie zwischen den kleinen Bands je nach Bedarf und eigener Expertise und übernehmen verschiedene instrumentale oder kreative Coaching-Rollen. Zur Integration in den Schulalltag könnte eine Kombination mit dem Drehtürmodell interessant sein.

„Profilklasse connected“ – (Curriculare) Anschlüsse und Synergien gestalten

Musikalische Bildungsangebote aus der Perspektive des Schulfachs Musik und aus instrumental-/ gesangs-/tanzpädagogischer Sicht mit Blick auf alle Schülerinnen und Schüler gemeinsam zu denken und zu konzipieren, gehört zu den Leitlinien einer EMSA-Kooperation. Ein wesentliches Ziel von EMSA ist es daher auch, die musikbezogenen Angebote von Musikschule und Schule auf verschiedenen Ebenen eng miteinander zu verbinden. Neben strukturellen (räumlich, zeitlich) und personellen Verzahnungsaspekten zeichnet sich eine EMSA-Kooperation insbesondere auch durch inhaltliche Verzahnungen aus. Diese Anschlüsse können in viele Richtungen gedacht sein. Sie können sich wie im vorangegangenen Modul auf informelle Räume und Präferenzen von Schüler:innen beziehen. Hier werden die Peers, die Interessen und Musikpraxen der Lernenden zu Motoren für Musizieranlässe, Vorerfahrungen und Begabungen werden zu Orientierungspunkten musikpädagogischer Planungen und Routinen. Inhaltliche Anschlüsse können sich jedoch auch auf formale fachliche Rahmungen von Musikschule und Schule beziehen, indem beispielsweise curriculare Verknüpfungen zwischen instrumentalen Unterrichtsangeboten und dem allgemeinbildenden Musikunterricht in den Blick genommen werden. Bezogen auf das Format „Profiklasse“ erhält diese curriculare Verzahnungsperspektive gerade dann eine besondere Dringlichkeit, wenn der Profiklassenunterricht den grundständigen Musikunterricht völlig ersetzt oder zumindest 2/3 des erweiterten regulären Musikunterrichts einnimmt.

Im Bausteinmodul „Profilklasse connected“ werden daher etablierte Fachstrukturen und Routinen des Profilklassenkonzepts hinsichtlich ihres curricularen Anschlusses beleuchtet und so gedacht, dass die Zielsetzungen instrumentalen Lernens mit den Zielsetzungen des Kernlehrplans des Fachs Musik in NRW verknüpft werden. Den inhaltlichen Rahmen und den Impuls für das instrumentale Lernen und Musizieren im Klassenverband bildet dabei die Unterrichtsreihe des Musikunterrichts, der mit der Gleichgewichtung der Kompetenztrias Reflexion, Rezeption und Produktion insbesondere im Bereich Produktion vielfältige Schnittstellen zum instrumentalen Lernen in der Profilklasse ermöglicht. Dabei stellen übergeordnete Fragestellung und Gegenstand der Unterrichtsreihe die wesentlichen Bezugspunkte dar.

Als Beispiel wurde eine Unterrichtssequenz (6-8 Wochen) für eine 6. Klasse (Bläserklasse) zum Thema „Phonophobia – wie Musik uns das Fürchten lehrt“[1]entwickelt, in der Schülerinnen und Schüler ausgehend von individuellen Höreindrücken in „gruseligen“ Liedern und Stücken musikalische Elemente der Spannung identifizieren, ihre Bedeutung beschreiben und in ein eigens erstelltes Grusel-Hörspiel übertragen, klanglich realisieren und ihre Wirkung und Funktionen erläutern und beurteilen sollen. Die konkrete Unterrichtsreihe im Gewand einer „Bläserklasse connected“ kann im Internbereich der Homepage eingesehen oder über das EMSA-Team erfragt werden.

Dem Bausteinmodul „Profilklasse connected“ liegt grundsätzlich das Modell des erweiterten Musikunterrichts zugrunde, dem zufolge in Klasse 5 und 6 ein dreistündiger Musikunterricht angeboten wird.

Derzeit arbeitet das EMSA-Team in Düren (Burgau-Gymnasium und Musikschule Düren) an einer standortspezifischen Adaption des Bausteinmoduls “Profiklassen connected“.
Nähere Informationen hierzu werden an dieser Stelle in Kürze veröffentlicht.

[1]Diese Unterrichtreihe entstammt dem schulinternen Lehrplan des Fachs Musik der Kaiserin Augusta Schule Köln.

Tags

Fusion Profilklasse mit EMSA-Prinzipien und EMSA-Bausteinen, VocalBreak adapted, PeerGroupBands, Profilklasse adapted